Berlin-Marathon – Wie viel Glück braucht man, um einen Startplatz zu bekommen?

Veröffentlicht am 26.09.2014 | 7 Kommentare

Blaue Streifen des Berlin-Marathon 2014 an der Yorckstraße

Am Mittwoch waren sie wieder da – die blauen Streifen, die die Ideallinie für den Berlin-Marathon zeigen! Vor fast einem Jahr, nach dem Berlin-Marathon 2013, hatte mich die Enttäuschung über das Losverfahren zur Vergabe der Startplätze so beschäftigt, dass ich eine offizielle Anfrage an den veranstaltenden SCC geschrieben habe. Es ging um die Frage: Wie viele Startplätze sind eigentlich wirklich im Lostopf?

Fakten, Fakten, Fakten – und immer an die Läufer denken

Ein bisschen geziert haben sie sich beim SCC schon, mir die angefragten Zahlen der Läufer zu nennen, die ohne Losverfahren einen Platz bekommen. Erst nach einer erneuten Nachfrage bekam ich eine freundliche, aber größtenteils nebulöse Antwort. Von 8.000 Plätzen für Reiseveranstalter war die Rede, aber das war schon die einzige konkrete Zahl. Ansonsten gab es nur Andeutungen wie

Außer für Jubilee-Club-Mitglieder gibt es bei uns ein kleineres Kontingent für Sponsoren.“

und

ein Kontingent im dreistelligen Bereich für Charity-Startplätze“

Glücklicherweise habe ich dann im Laufe des Jahres einen Artikel gefunden, der die Zahl der Startplätze nennt, die über das Losverfahren vergeben werden: 32.000 sollen es sein.

Bei zuletzt 74.707 registrierten Läuferinnen und Läufern, die in der Lostrommel für den Berlin-Marathon 2014 waren, sind die Chancen, einen Startplatz per Losverfahren zu bekommen also leider sehr gering.

Das ist schade, aber bei einer derart großen Nachfrage fällt mir auch kein Verfahren ein, wie man das verbessern könnte.

Nach der Verlosung hilft auch kein Glück mehr

Was man aber verbessern könnte, ist, wie mit den Anmeldungen umgegangen wird. Nach wie vor ist eine Ummeldung nicht möglich. Wie heißt es unter dem Punkt „Rücktritt, Tausch, Umschreibungen“ auf der SCC-Marathon-Website so schön:

Bei allen Läufen von SCC EVENTS sind Startplätze nicht übertragbar. Startplätze dürfen nicht getauscht oder überschrieben werden. Auch werden sie nicht vom Veranstalter rückerstattet (siehe §3 Abs. 5).

Jeder gemeldete Teilnehmer darf seinen Startplatz nur persönlich antreten und damit an den Wettkämpfen von SCC EVENTS teilnehmen.

Wer „für jemanden läuft“, verstößt gegen die Allgemeinen Bedingungen für die Teilnahme an SCC EVENTS Sportveranstaltungen (§3 Abs.4) und riskiert eine Disqualifikation.“

An eine – auch teilweise – Rückerstattung des Anmeldebeitrags ist auch nicht zu denken:

Bitte habe Verständnis dafür, dass wir durch den logistischen und organisatorisch hohen Aufwand der Veranstaltung ausnahmslos keine Teilnahmegebühr erstatten können.“

Wer also ein Jahr vorher mit viel Glück einen Startplatz bekommen und die fast 100 € bezahlt hat, aber später feststellen muss, dass er beruflich oder privat verhindert ist, hat keine Möglichkeit, seine Startnummer offiziell an einen der vielen Laufwilligen zu übertragen und das Geld ist weg. Andere Marathons bekommen das hin, warum ausgerechnet Berlin nicht?

Und wenn ich krank bin – hilft mir ein ärztliches Attest?

Auch hierzu ein Zitat von der Website:

Grundsätzlich nicht!
Aber: wird dir auf der Messe Berlin Vital bei einer kostenfreien sportärztlichen Untersuchung von der Teilnahme am BMW BERLIN-MARATHON abgeraten und du willigst ein, deine anonymisierten Daten für sportmedizinwissenschaftliche Zwecke zur Verfügung zu stellen, so wird dir gegen Rückgabe der Startnummer ein Gutschein für einen Teilbetrag des Teilnehmerbeitrages ausgestellt, der nur persönlich und nur im Folgejahr der entsprechenden Veranstaltung eingelöst werden kann, wenn du deswegen unter Vorlage der sportärztlichen Bescheinigung von deiner Teilnahme Abstand nimmst.“

Auch ein wenig merkwürdig, dass nur die SCC-eigenen Ärzte feststellen können, ob man einen Marathon laufen darf oder nicht, und dass man darüber hinaus noch seine Daten obendrein dazugeben muss.

Zum Vergleich: Da ich letztes Jahr krankheitsbedingt nicht beim Frankfurt-Marathon antreten konnte, war es dort möglich, unter Vorlage eines normalen ärztliches Attests sowie 10 Euro Gebühr in diesem Jahr an den Start zu gehen! Der SCC ist da nicht nur wesentlich rigider in der Bewilligung, er lässt sich den Start im Folgejahr auch gleich mit 68 Euro bezahlen (der erwähnte „Gutschein für einen Teilbetrag“ beträgt 30 Euro). Tja, der hohe Aufwand…

Über 10% der Startplätze werden bezahlt, aber nicht genutzt

Die Zahl der Läufer, die gemeldet sind, aber nicht antreten, liegt im Schnitt bei ca. 10 Prozent.“

Wenn man dazu noch bedenkt, dass viele verhinderte Läuferinnen und Läufer ihre Startnummern trotzdem an Freunde weitergeben, die dann einfach unter dem fremden Namen laufen, so kann man sich vorstellen, wie groß die Zahl der Leute ist, die von einer Ummeldemöglichkeit profitieren würden.

Das sind mehr als 4.000 Startplätze, die man an höchst erfreute Nachrücker vergeben könnte. Wenn man wollte.

Gemeinsam laufen oder Jubilee-Runner werden? Unwahrscheinlich.

Was ist mit Läufern, die nur gemeinsam beim Marathon an den Start gehen wollen – Freunden, Paaren oder z.B. ein „Laufmentor“ mit einem Erststarter? Fehlanzeige. Es sei denn, das Losglück ist beiden gleichzeitig hold. Möglich, aber eher unwahrscheinlich.

Hier wäre es doch äußerst sinnvoll, wenn es ein „Teamläufer-Los“ geben würde. Alle oder keiner. Das muss sich doch irgendwie machen lassen, denke ich.

Auch für Läuferinnen und Läufer, die gerne in den Jubilee-Club möchten – dazu gehört man, wenn man 10 Mal am Berlin-Marathon teilgenommen hat – sieht es durch die Auslosung nun schlecht aus.

10 Mal zu finishen ist ja noch verhältnismäßig leicht, aber wie viele Jahre braucht man, um überhaupt 10 Mal bei den durch das Los Auserwählten zu sein? Wenn ich es richtig aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung in Erinnerung habe – ich bitte um Hinweise, falls ich mich hier um Kopf und Kragen rechne – beträgt die Wahrscheinlichkeit, im ersten Jahr gezogen zu werden

32.000 (Plätze) : 75.000 (Lose) = ca. 0,426 (entspricht 42,6 %)

Für die Wahrscheinlichkeit, auch im Folgejahr gezogen zu werden, muss man die beiden Wahrscheinlichkeiten multiplizieren, also:

0,426 x 0,426 = ca. 0,18 (entspricht 18 %)

Und so geht das weiter. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, so liegt die Wahrscheinlichkeit, nur 5 Mal hintereinander den Berlin-Marathon laufen zu dürfen, bei ca. 1,4 %. Ihr solltet also etwas Geduld und eine lange Lebenserwartung mitbringen, um in Zukunft 10 Berlin-Marathons zusammen zu bekommen ;-)

Und jetzt kräftig freuen!

An alle, die am kommenden Sonntag die 42,195 km durch Berlin laufen: Freut euch, dass das Losglück auf eurer Seite war, dass ihr gesund seid (oder heimlich für einen kranken Freund laufen dürft ;-) und auch nichts anderes dazwischen gekommen ist!

Ich werde an der Strecke stehen und euch anfeuern!

Frankfurt ist übrigens auch sehr schön… oder Hamburg… oder Bremen… oder…

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F-Klasse-Laufen, Laufevents

7 Kommentare zu “Berlin-Marathon – Wie viel Glück braucht man, um einen Startplatz zu bekommen?”

  1. Runningbirki sagt:

    Na toll. Jetzt habe ich gerade eine richtige Portion Realismus abbekommen.
    Schöner Mist!
    Miese Aussichten 2015.

    Trotzdem Danke für die interessante Aufklärung. Ist ja fast schlimmer als London und/oder Boston.

    VG

  2. Bärbel sagt:

    Danke für die Details – mir war das so gar nicht klar und ich finde es heftig, dass man nicht „einspringen“ kann, aber andererseits – wer will das kontrollieren? Egal, denn trotzdem WEISS ICH, dass die Flitzi-Birki über mir in 2015 durch Berlin rennt. Ommmmmmm – man braucht nur so ein bissel Losglück, das wäre doch gelacht! Vitamin B scheidet also schon mal aus, also bauen wir auf das GLÜCK.
    Liebe Grüße

  3. Andreas sagt:

    @Runningbirki
    Die Portion Realismus besagt leider, dass sich 75.000 Interessenten um 32.000 Plätze bewerben, da kann ich dir nicht viel Hoffnung machen, Losglück braucht man schon. Aber zumindest drücke ich dir schon mal die Daumen, und vielleicht hilft das ja ;-)

    @Bärbel
    „Einspringen“ wäre eigentlich ganz einfach: Beim Veranstalter melden und Ersatzläufer benennen und der ändert einige Felder in seiner Datenbank, fertig. Warum das nicht gehen soll, müsste man mir erst einmal erklären.

    Wenn man nicht auf sein Glück vertrauen möchte, kann man aber natürlich auch die sicherere und teure Variante über Charity-Plätze oder die Reiseveranstalter nehmen. Stelle ich mir spannend vor: Als Berliner eine Reise inkl. Hotel und Teilnahme am Marathon buchen ;-)

  4. Andreas IV sagt:

    Klasse Artikel. Sehr informativ.
    Der SCC sollte sich über diese Nachfrage freuen und alles daran setzen, dass es möglichst lange so bleibt.

    Andreas IV

  5. Andreas sagt:

    @Andreas IV
    Ja, die Nachfrage ist auf jeden Fall riesig und wird, glaube ich, auch nicht so schnell nachlassen.

  6. Laufhannes sagt:

    „Das sind mehr als 4.000 Startplätze, die man an höchst erfreute Nachrücker vergeben könnte. Wenn man wollte.“
    10 € oder von mir aus auch 20 € Ummeldegebühr macht 40.000 bzw. 80.000 Euro für SCC. Da kann man sich ja denken, wie SCC stattdessen denkt: 4.000 Läufer weniger auf der Strecke, da können wir hier und dort ordentlichen einsparen.

    Ja, Berlin steht bei mir auf der Liste der Läufe, die ich gerne mal machen würde, aufgrund des Meldeprozederes sehr weit unten.

    … und noch eine Frage in den Raum geworfen: Wie viele der über 70.000 Registrierten haben das wohl mehr aus der Laune „Ach, einfach mal probieren“ gemacht und hätten es bei einem „normalen“ Verfahren letzten Endes doch sein lassen?

  7. Andreas sagt:

    @Hannes
    Ja, Hannes, mit den „Einfach-mal-anmelden“-Leuten magst du Recht haben. Allerdings gibt es dann ja auch noch die Leute wie dich (und mich), die denken: Wenn das so läuft, dann habe ich darauf überhaupt keine Lust – und sich gar nicht erst melden.

    Da die Zahl der nichtantretenden, aber angemeldeten Läufer vom SCC selber mit „im Schnitt 10%“ angegeben wird, ist es klar, dass mit dieser Zahl auch kalkuliert wird. Ich werde als Veranstalter nicht für 40.000 Anmelder sondern nur für erwartete 36.000 Finisher Verpflegung, Medaillen, etc. vorhalten, alles andere wäre Unsinn.

    Bedeutet aber auch, dass die „Keine-Ummeldung-möglich“-Politik wichtig für die Kalkulation ist. Mir wäre es lieber, die Preise würden steigen und jeder hätte die faire Möglichkeit, seinen Startplatz noch umzumelden, wenn er nicht antreten kann.

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