Der längste Lauf unseres Lebens

Veröffentlicht am 11.07.2016 | 9 Kommentare

Strecke langer Lauf nach Rangsdorf

Es fing mit einem Fehlstart an: Als Klaus gestern Morgen bei mir ankam, musste er feststellen, dass er seine Trinkflaschen zuhause vergessen hatte! Dadurch, dass er noch einmal umkehrte, um sie zu holen, hatte er am Ende 1,5 km mehr auf der Uhr als ich und die Voraussetzung für ein Lauf-Abenteuer geschaffen, von dem er noch seinen Enkeln erzählen wollte. Aber der Reihe nach…

Gewässer in der Diedersdorfer Heide am Nuthegraben

Die Erde ist bekanntlich eine Scheibe, und ein gängiger Spruch unter uns ist, dass wir „über die Scheibe hinauslaufen“, wenn wir läuferisches Neuland entdeckten. Nach fünfzehneinhalb Kilometern war es an diesem Tag soweit: Statt in der Diedersdorfer Heide am Wasserbecken rechts nach Genshagen abzubiegen, liefen wir halbrechts auf die Autobahn A10 (Berliner Ring) zu. Fast wären wir hier schon in den falschen Weg gelaufen, aber Klaus korrigierte mich in letzter Sekunde.

Läufer auf einem Parkplatz an der A10

Nun ging es immer an der Autobahn entlang. Die Sonne brannte kräftig, und mir kamen schon Bilder von Fremdenlegionären in der Wüstensonne in den Sinn. Glücklicherweise konnten wir uns kurz darauf an einer Autobahnraststätte erfrischen und Wasser auffüllen.

Schild Richtung Rangsdorf am Trebbiner Damm

Am Trebbiner Damm machte unsere Route einen kleinen Knick und wir liefen in den Wald hinein. Wir genossen es, im Schatten zu laufen, wenn der Pfad auch stetig etwas hoch und runter ging.

Am Rangsdorfer See

Läufer auf Waldpfad am Rangsdorfer See

Nach ungefähr 22 Kilometern waren wir am Rangsdorfer See angekommen und folgten dem Weg am Ufer entlang.

Rangsdorf, das Lido des Berliner Südens – Historische Postkarte aus den 1930er Jahren

Der Rangsdorfer See galt in der Vergangenheit als „Lido des Berliner Südens“, wie eine Info-Tafel mit historischer Postkarte aus den 1930er Jahren erklärte.

Badegäste am Seebad Rangsdorfer See

Wir kamen an die Badestelle, wo trotz des sonnigen Wetters nur wenige Badegäste zu sehen waren. Uns gefiel es hier aber so gut, dass wir spontan überlegten, irgendwann mal wieder zu einem Picknick herzukommen.

Wappen Rangsdorf am Gitter vor dem Seebad Rangsdorf

Im Geländer zum Seebad entdeckte ich das Rangsdorfer Wappen: Drei Fische und eine Kiefer mit Wurzeln.

Lageplan von Rangsdorf auf einem Schild

Vor einem Schild mit Stadtplan stehend fragte Klaus: „Was ist denn 31?“ Es handelte sich um den Standort des Stauffenberg-Denkmals, und Klaus versuchte mich zu überreden, einen kleinen Abstecher dorthin zu laufen. Da ich aber wenig Lust hatte, noch mehr Kilometer als die ohnehin schon geplanten zu laufen, wiegelte ich vorsichtig ab. Immerhin konnte ich ihm noch den Grund für das Denkmal sagen: Vom nahe gelegenen Flugplatz Rangsdorf war Graf von Stauffenberg damals am 20. Juli 1944 mit seinem Adjutanten zum Attentat auf Hitler gestartet und anschließend auch wieder hier gelandet.

Läufer in Rangsdorf

Zu diesem Flugplatz – dem längst verfallenen ehemaligen Reichssportflughafen Rangsdorf – wollten wir ohnehin laufen. Und so liefen wir denn weiter durch Rangsdorf.

Idyllischer Graben an der Bansiner Allee

Auf unserem Weg kamen wir an einem idyllisch gelegenen kleinen Kanal mit Booten vorbei.

Enttäuschung am ehemaligen Flugplatz Rangsdorf

Bücker-Villa in Rangsdorf

Und dann gab es eine große Enttäuschung! Wir waren am Gelände des ehemaligen Flughafens angekommen, standen aber vor einem Zaun! So sehr wir auch überlegten und Ausschau hielten: Offensichtlich war das gesamte Areal abgesperrt.

Dabei hatte ich Klaus einen historischen Ort versprochen: Hier war nicht nur Graf von Stauffenberg gestartet, auch die Kunst- und Rekordfliegerin Elly Beinhorn und Schauspieler Heinz Rühmann flogen damals von hier. Und Beate Uhse hatte hier das Fliegen gelernt und war als Einfliegerin für die Bücker Flugzeugwerke tätig gewesen, die hier ihren Standort hatten.

Als kleinen Trost kamen wir an der Bücker-Villa vorbei, die heute ein (bewohntes) Baudenkmal in Rangsdorf ist.

Jetzt umkehren wäre auch blöd

Bahnhof Rangsdorf

Immerhin hatten wir nun den entferntesten Punkt unserer Route hinter uns gelassen und befanden uns auf dem Heimweg. Bei idealen Verbindungen kommt man vom Bahnhof Rangsdorf mit der Bahn in 34 Minuten nach Marienfelde. Uns erwarteten aber noch ein paar Stunden Laufweg durch die Sonne…

Sandiger Pfad entlang der Bahnstrecke Richtung Berlin

Fast wären wir hier falsch gelaufen, aber im letzten Moment hatte ich noch die Idee, unseren Weg zu prüfen – trotz der sehr lästigen Bremsen, die über uns herfielen, sobald wir stehen blieben. Nun ging es immer weiter entlang der Bahnlinie. Aufgrund des sandigen märkischen Bodens etwas mühsam. Vor allem, wenn man schon ein paar Kilometer in den Knochen hat.

Auftanken

Erfrischungsstopp an der Tankstelle am Zossener Damm

Ungefähr bei Kilometer 31,5 in Blankenfelde hatte ich eine Tankstelle eingeplant, und wir freuten uns bereits lange davor auf unsere Cola-Pause. Eigentlich war der Plan, dass Klaus in der Nähe am Bahnhof Blankenfelde in die S-Bahn nach Hause steigen sollte, während ich die Rest-Kilometer laufen würde. Aber irgendetwas müssen sie in die Cola getan haben: Klaus fühlte sich so erfrischt und abenteuerlustig, dass er entschied, mich die gesamte Strecke zu begleiten!

Heiße Phase

Die Euphorie ließ dann aber schnell nach und es begann ein mühsames Ringen um jeden Kilometer durch die Mittagshitze. Immer wieder machten wir Halt für kurze Trink- und Gehpausen, rafften uns dann wieder auf und verfielen in den Trab für den nächsten Abschnitt: „Bis zur Baumgruppe da vorne, dann trinken wir was!“, „Bis zur Mauerweg-Stele, dann gehen wir wieder ein Stück!“, „Bis zum Diedersdorfer Weg!“, „Bis zum Pförtner!“ …

Klaus’ maximale Laufdistanz in diesem Jahr waren 25 Kilometer gewesen, und so verwunderte es nicht, dass ich immer etwas flotter wieder loslief, während er sich ein paar Dutzend Meter hinter mir Richtung Heimat kämpfte. Aber wir waren beide so mit uns beschäftigt, dass jeder sein Ding lief und wir uns dann erst für die gemeinsame Trinkpause wiederfanden.

Geschafft!

Aber irgendwann hatten wir es dann geschafft und den bisher längsten Lauf unseres Lebens hinter uns. Und ich hoffe doch sehr, dass Klaus das später mal seinen Enkeln erzählen wird ;-)

Heißer Lauf: Am Ende waren es fast 30 Grad

Das Thermometer zeigte fast 30 Grad, als ich nach Hause kam. Da lagen 48,5 Kilometer und fast 7 Stunden hinter mir. Die reine Laufzeit waren 4:44 Stunden für 44 Kilometer (die Autopause hatte die Gehpausen weggestoppt). Während des Laufs hatte ich fast 3 Liter getrunken und direkt danach zuhause noch einmal 1,5 Liter!

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F-Klasse-Laufen, Lauferfahrungen

9 Kommentare zu “Der längste Lauf unseres Lebens”

  1. Claudi sagt:

    Unfassbar! Das ist mal so eine richtig verrückte Aktion, die definitiv an Enkel und höchstwahrscheinlich auch Urenkeln weitergetragen werden muß. Respekt. Ihr seid wirklich hart im Nehmen.
    Gute Erholung!
    Claudi

    http://claudigivesitatri.de

  2. Schinderhannes sagt:

    Da wird selbst Schinderhannes ganz still. Nach zwei Stunden frage ich mich nach dem Sinn des Leebns und ihr macht gleich 7 draus…Der Mauerweglauf kann kommen.
    Grüße aus Marienfelde

  3. Andreas sagt:

    @Claudi
    War wirklich im Nachhinein betrachtet ziemlich hart ;-) Die Erholung können wir jetzt gebrauchen.

    @Schinderhannes
    Nach 7 Stunden (größtenteils) in der Sonne ist man tatsächlich über den Sinn des Lebens hinaus ;-) Jetzt heißt es verletzungsfrei bis zum Tag X bleiben.

  4. Markus sagt:

    Ich habe schon ein paar Mal geschmunzelt :) Sehr schön :)

  5. Andreas sagt:

    @Markus
    Danke, ich hoffe, an den richtigen Stellen ;-)

  6. AndreasV. sagt:

    Ich sag nur „Laufheroes“!!!!

    Ich hoffe, es gibt jetzt aber eine Regenerationswoche,oder?

    LG aus dem Lazarett

  7. Andreas sagt:

    @AndreasV.
    Eigentlich ist die Regenerationswoche erst nächste Woche, aber da gerade meine Achillessehne etwas zwickt, wird sie tatsächlich auf diese Woche vorgezogen…

    Grüße zurück ins Lazarett!

  8. Andreas IV sagt:

    Spitzen Story und ihr habt meinen vollen Respekt!!!
    Andreas IV

  9. Andreas sagt:

    @Andreas IV
    Ohne Fleiß kein Preis ;-) Und wenn ich als „Ultra-Schnecke“ am 13.8. endlich am Wechselpunkt angekommen bin, könnt ihr anderen drei den Mauerweg entspannt zu Ende rocken ;-)

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