Dem Geld hinterher laufen

Veröffentlicht am 30.11.2011 | 14 Kommentare

Läufer-Silhouetten auf Geldscheinen

Gerade hat der Berliner Marathon-Veranstalter SCC Events wieder einen Newsletter verschickt, in dem er stolz verkündet, dass nun bis auf 5.000 alle Startplätze für den kommenden Marathon vergeben sind. Und das ärgert mich…

Wie viele Monate sind es noch bis zum Berlin-Marathon?

Denn der Berlin-Marathon findet am 30.09.2012 statt, und jetzt haben wir den 30.11.2011. Die Anmeldephase begann am 20.10., und bereits nach 24 Stunden waren die „günstigen“ ersten 10.000 Startplätze für 60 Euro weg. Wer sich danach angemeldet hat, hat 80 bzw. 100 Euro bezahlt. Fast ein Jahr vorher. Und das mit vollem Risiko, denn wenn irgendetwas gesundheitlich oder terminlich dazwischen kommt, ist das Geld weg, eine Rückerstattung gibt es nicht.

Wie viele Zinsen bekommt man eigentlich, wenn man 3,3 Millionen Euro für 10 Monate anlegt?

Auch eine Übertragung auf einen anderen Läufer – wie z.B. in Hamburg möglich – ist nicht vorgesehen. Eine Startplatz-Rücktrittsversicherung (auch in Hamburg) wird ebenfalls nicht angeboten. Bis vor einigen Jahren gab es immerhin noch gestaffelte Anmeldephasen, deren günstigste Ende Februar endete. Nun wird nach dem Auktionsprinzip verfahren und Anfang Dezember ist der komplette Marathon für das  Folgejahr ausgebucht. Das finanzielle Risiko tragen die Läuferinnen und Läufer, und der SCC Events hat fast ein Jahr lang weit über 3 Millionen Euro auf dem Konto!

Wie viele Läufer zahlen eigentlich und laufen dann nicht?

Im letzten Jahr betrug die Differenz zwischen gemeldeten Läufern und Finishern etwa 7.000, das macht bei einer angenommenen Durchschnittsmeldegebühr von 70 Euro ungefähr eine halbe Million Euro. Klar, da sind natürlich auch viele während des Marathons ausgestiegen, aber die angenommene Durchschnittsmeldegebühr ist auch sehr gering gewählt, und darüber hinaus ist die Zahl der „illegalen“ Läufer – die unerlaubterweise für einen Kumpel laufen, der verhindert ist – auch nicht gerade klein. Kurz und gut: Der SCC Events verdient nicht nur durch die Verzinsung zusätzlich, er verdient auch durch die strikten Regularien, indem er Geld einnimmt, ohne dafür die Leistung erbringen zu müssen.

Was in Hamburg geht, muss doch auch in Berlin möglich sein, oder?

Ich möchte abschließend erwähnen, dass ich den Berlin-Marathon bisher sehr gerne gelaufen bin und dass der SCC Events die Veranstaltung wunderbar und perfekt organisiert. Nur dass mit dem praktizierten Auktionsprinzip zusätzliches Geld auf Kosten der Läufer verdient wird, die wiederum das volle Risiko tragen, finde ich absolut nicht in Ordnung. Zumindest wird es Zeit für eine Startplatz-Rücktrittsversicherung sowie die Möglichkeit, die Startnummer übertragen zu dürfen!

Oder was meint ihr?

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14 Kommentare zu “Dem Geld hinterher laufen”

  1. Running Twin Marek sagt:

    +1 Andreas

    Der kommende Berlin Marathon wird bestimmt noch dieses Jahr ausgebucht sein. Das sind ja bald New Yorker Verhältnisse! Dieses „first come – first serve“ Prinzip mit den gestaffelten Startgebühren ist zwar clever (die Leute machen es ja mit), aber einfach zu kommerziell orientiert und erinnert schon an Abzocke. Wird ja bei allen Events des SCC so gemacht (auch HM). Kriegt man denn in HH sein volles Geld zurück, wenn man nicht antritt? In Berlin gibt es übrigens – halte dich fest – einen 30,- „Gutschein“, wenn man offiziell absagt (habe ich ja dieses Jahr gemacht). Dieser ist dann nur für den Berlin-Marathon des nächsten Jahres einlösbar. Die Geldgier ist halt meistens zu groß.

  2. Kent sagt:

    Deine Kritik ist berechtigt. Auch mich stört dieses Anmeldeverfahren, und die Startgebühren finde ich völlig überzogen.

    Aus diesem Grund verzichte ich auf einen Start beim Berlin-Mara im kommenden Jahr. Es gibt Alternativen.

    Viele Läufer denken aber offenbar nicht so, oder es ist ihnen egal. Daher würde keine Besserung erwarten, leider.

  3. Ralf sagt:

    Der Vergleich zu New York ist sehr schön. Betrachten wir dieses Event mal als Teilnehmer aus der „neuen Welt“ und schon sieht das alles ganz anders aus. Der Berlin Marathon ist einer der Big5 und man kann da noch einfach so teilnehmen ohne Qualifizierung und ohne Event-Reise – ist doch alles perfekt. Klar im Vergleich zu „normalen“ Marathons ist das alles ziemlich übel, aber fragen wir doch mal die Einwohner von New York, wie für sie die Teilnahme am New York Marathon möglich ist!
    Ich bitte das jetzt alles nicht falsch zu verstehen, auch ich bin gegen horrende Startgebühren, aber ein internationales Event sollte man mit einem anderen internationalen Event vergleichen!

  4. Laufhannes sagt:

    Für riesige Events muss man leider viel zahlen und da können wir auch nicht wirklich dran schrauben.

    Beim finanziellen Gewinn des Veranstalters muss man sich natürlich immer fragen, wie viel Geld für den übrig bleibt und wann er selbst was finanzieren muss. Da bleibt man als Außenstehender aber natürlich im Dunkeln.

  5. Sven sagt:

    Andreas, du sprichst mir mal wieder – wie schon bei deinem Kommentar zum Anmeldeverfahren für den Halbmarathon – aus dem Herzen.
    Dieses Verfahren verdient als Minimum eine Startplatzrücktrittsversicherung oder besser noch eine Tauschmöglichkeit. SCC kooperiert ja bereits beim Velothon mit upsolut aus Hamburg, vielleicht kann man sich mal ein paar Tipps abholen…
    Ansonsten gehöre ich trotzdem zu den Verrückten, die schon für 2012 gemeldet sind. Berlin war mein erster und ist bislang auch jedes Jahr mein einziger Marathon… Aber vielleicht ist es tatsächlich an der Zeit für Alternativen…

  6. Werner sagt:

    Hallo Andreas,

    die kommerzielle Orientierung ist schon sehr offensichtlich und ich finde es auch nicht so ganz in Ordnung. Die Rücktrittsversicherung müsste schon drin sein. Ich habe mich allerdings selbst gleich nach dem Berlin-Marathon 2011 für 2012 angemeldet. Wahrscheinlich auch, weil ich noch neu in diesem „Geschäft“ (haha, so nenn ich es schon) bin, wollte ich unbedingt wieder dabei sein. Also am ersten Tag angemeldet für 60 Euro. Am nächsten Tag wären es schon 80 gewesen. Das ist schon echt der Wahnsinn und ich bin Teil des Systems :-(. Wenn ich allerdings daran denke, wie man z. T. von Telefongesellschaften, Versicherungen usw. ausgenommen wird, gehört die Anmeldeprozedur für den Berlin-Marathon zu den harmloseren Abzocken. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass man sich irgendwann von solchen Veranstaltungen wieder abwendet und sich Alternativen sucht.

    Grüße aus Kladow

    Werner

  7. Hanna sagt:

    Da hast du den Nagel voll auf dem Daumen getroffen!

  8. webmaster@startblog-f.de sagt:

    @Marek
    Wenn ich es richtig gelesen habe, kostet die Übertragung auf einen anderen Läufer in Hamburg 19 Euro und ist bis etwa einen Monat vorher schriftlich oder an den 2 Tagen direkt vor dem Marathon persönlich möglich. Bei 70 Euro Anmeldung ist der Verlust im Ernstfall in Hamburg also nur 19 Euro hoch, in Berlin zwischen 30 und 70 Euro, und das auch nur wenn man den Folgemarathon läuft, wie du es beschrieben hast.

    @Kent
    Ja, Berlin-Marathon laufe ich (aber u.a. auch aus anderen Gründen) auch nicht im nächsten Jahr. Und den Berlin-HM habe ich mir ebenfalls gespart (Alternativen gibt es wie Sand am Meer).

    @Ralf
    Mir geht es auch nicht um die Höhe der Gebühren (oder eine Qualifizierung), sondern um die Art, wie hier Geld gemacht wird, ohne fairerweise einen „günstigen“ Ausstieg zu bieten. Für Nicht-Berliner ist der Marathon hier natürlich ein „Muss“, aber als Berliner sehe ich auch den Sinn nicht ganz, warum ich bei solchen Anmeldebedingungen unbedingt jedes Jahr hier laufen sollte.

    @Laufhannes
    Klar, so eine Veranstaltung kostet wirklich eine ganze Menge. Aber wenn man bereits mehrfach an solch einem Mega-Event teilgenommen hat, bekommen die kleinen Events, wo man für wenig Geld in beschaulicherer Atmosphäre läuft, eben auch einen großen Reiz (wer wüsste das besser als du ;-)

    @Sven und Werner
    Der Berlin-Marathon ist klasse, ohne Frage. Aber nach meiner tollen Erfahrung in Lübeck kann ich nur sagen: Auch andere Mütter haben schöne Töchter…

    @Hanna
    Meinst du den „Gefällt mir“-Daumen? ;-)

  9. Henrik von den Running Twins sagt:

    Sehr guter Einwand, Andreas. Ich stimme dir in dem Punkt mit der Rücktrittsversicherung zu. Allein, mir fehlt der Glaube, dass der SCC das anbieten wird. Dafür fehlt einfach der Leidensdruck. Wenn dieses Event weiterhin so überrannt wird, hat der Veranstalter eine Verbesserung des Angebots im Sinne des Kunden schlicht und ergreifend nicht nötig. Aufgrund der verschärften Bedingungen springen vielleicht 1.000 Leute ab. Dafür kommen 3.000 neue dazu, die sich davon nicht abschrecken lassen. Zu den letzten zähle ich auch mich. Aber das Schöne ist doch, dass es gute und fair bepreiste Alternativen gibt.

  10. webmaster@startblog-f.de sagt:

    @Henrik
    Stimme dir vollkommen zu und schließe durchaus nicht aus, auch irgendwann mal wieder einen Berlin-Marathon zu laufen. Manchmal muss man aber auch mal Zeichen setzen, auch wenn sie von Goliath kaum bemerkt werden. Und die kleineren Events freuen sich bestimmt über ein paar mehr Teilnehmer!

  11. "Der Blaue" (Ingo) sagt:

    ich bin meine sechs marathons in berlin immer sehr gerne gelaufen. aber durch das neue anmeldeverfahren verzichte ich auf einen start zumindest noch im nächsten jahr. es gibt genügend alternativen im herbst (z.b. köln, frankfurt, münchen, bremen, dresden, amsterdam …) und es muss ja auch nicht unbedingt ein überfüllter city-lauf mit zigtausenden teilnehmern auf tlw. katastrophaler laufstrecke sein.

  12. webmaster@startblog-f.de sagt:

    @Ingo
    Wenn du in deinem Kommentar „sechs“ durch „fünf“ ersetzt, hätten die Sätze 1:1 von mir kommen können ;-)

  13. Bee sagt:

    Irgendwie nimmt dieser ganze Anmeldewahnsinn über kurz oder lang sämtliche Freude am Wettkampflaufen. Wer weiss schon, was in fast einem Jahr ist, geschweige denn, ob die Vorbereitung überhaupt richtig funktioniert. Mittlerweile sind die ganzen großen Marathons echte Kommerz-Veranstaltungen, die den Kern meiner Ansicht nach verfehlen. Ich selsbt mache Triathlon und da ist es genauso überzogen, vor allem bewegen sich die Startgelder zum Teil um 500,- Euro, die man nicht mal eben so ausgibt:-(!

    Lieben Gruss….
    Bee

  14. webmaster@startblog-f.de sagt:

    @Bee
    Im Grunde habe ich auch gar nichts dagegen, dass die Veranstaltungen kommerzieller werden, ich möchte nur nicht das Gefühl haben, dass ich das komplette finanzielle Risiko trage. Stichwort „Kundenfreundlichkeit“.

    Ich denke, es wird in Zukunft eine verstärkte Verlagerung zu den kleineren, unkomplizierteren Events geben. Drei Wochen vorher anmelden, 30-50 Euro bezahlen und einen netten, kleinen Marathon durch eine schöne Landschaft laufen.

    Und Triathlon-Startgelder um die 500 Euro sind natürlich der Hammer…!

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