Buchstabenlauf – Die 3. Etappe

Veröffentlicht am 19.05.2008 | 2 Kommentare

Buchstabenlauf, Etappe 3Nun ist auch die 3. Buchstabenlauf-Etappe der XT Wings Challenge geschafft! Am gestrigen Sonntag waren Andreas und ich bereits in aller Frühe unterwegs um weitere sechs Buchstaben durch die Stadt zu laufen. Dieses Mal ging es nach Friedrichshain…

East Side GalleryWerbung meets Graffiti

Da es unsere Wochenend-Zeitplanung vorsah, dass wir spätestens um halb elf wieder zu Hause sein wollten, ging es in aller Frühe los. Und wenn ich früh sage, meine ich früh: Um halb sieben am Sonntagmorgen haben wir beide uns zum Startpunkt aufgemacht und waren so bereits um kurz nach sieben laufbereit am Ostbahnhof! Das Wetter war deutlich kühler als in der vorangegangenen Woche und der Himmel über Berlin war bedeckt.

Zuerst ging es entlang der East Side Gallery, einem über einen Kilometer langen Mauerabschnitt mit Graffitis von 118 Künstlern. So leer wie wir anfangs dachten, waren die Straßen übrigens nicht: im Eingang des Strandcafés „Strandmarkt“döste noch der Türsteher und vor dem „Tresor“ in der Köpenicker Straße verabschiedeten sich gerade Partygänger und Polizei voneinander.

Eingang zum Energieforum

Den schlaftrunkenen Clubmenschen kamen wir zwei Frühmorgenläufer bestimmt wie Außerirdische vor. Da passten wir schon eher vor das „Energieforum“, das einen ziemlich „spacigen“ Eingang hat und in dieser Gegend schon fast wie aus einer anderen Welt wirkt.

Zitat über die 50 Gerechten in der StadtDenkmal Hermann Schulze-Delitzsch

Unser Weg – der erste Buchstabe des Tages sollte ein „M“ werden – führte uns an Häuserfassaden mit riesigen Bibelzitaten („Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt.“) und Denkmälern mit Männern, die längst keiner mehr kennt (Hermann Schulze-Delitzsch, Politiker und Begründer des Genossenschaftswesens) vorbei.

Historischer Hafen

Das „M“ hatten wir nun bereits hinter uns und setzten die Etappe mit einem anstandslos gelaufenen „E“ fort, welches sein oberstes Balkenende am Historischen Hafen an der Spree hatte. Alte Kähne und historische Dampfer kurz nachdem wir die Hochhäuser der Heinrich-Heine-Straße hinter uns gelassen hatten – ein erstaunliches Kontrastprogramm!

Ostdeutscher Sparkassenverband und HochhäuserAlte Jakobstraße

Hatte Andreas mir noch bei der Autofahrt zum Ostbahnhof erklärt, dass er sich in diesem Teil Berlins nun gar nicht auskenne, kam jetzt die eine oder andere Überraschung. Er hatte nämlich mal eine Zeit lang in dieser Gegend gearbeitet, erkannte plötzlich diverse Gebäude wieder und konnte einiges Interessante dazu erzählen. Wir waren so vertieft, dass wir an der Alten Jakobstraße in die falsche Richtung abbogen! Ob es daran lag, dass er ausgerechnet dort früher gearbeitet hat?

Berliner Mauer Gedenkplatte

Da hätten wir doch fast unseren nächsten Buchstaben – das „D“ – verhunzt! Also wieder zurück und den großen Bogen des „D“ zu Ende gelaufen, an der Oranienstraße an der Bundesdruckerei vorbei („Führender Anbieter von sicheren ID-Lösungen“ klingt zwar nach New Economy auf sächsisch, ist aber tatsächlich das Unternehmen, das der „ehrenwerte Oberhofbuchdrucker“ Rudolf Ludwig Decker 1763 gegründet hat) und auf das Axel-Springer-Hochhaus zu.

Axel-Springer-HochhausCoca-Cola-Werbung

Dass das Axel-Springer-Hochhaus heutzutage an der Ecke Rudi-Dutschke-Straße/ Axel-Springer-Straße liegt, ist natürlich feinste Ironie des Schicksals, und dass etwas weiter eine große Coca-Cola-Werbung auf einem Plattenbau an der Gertraudenstraße prangt nicht minder. Und noch ein Detail am Rande: Ausgerechnet am Ende der Axel-Springer-Straße, an der Kommandantenstraße, an der früher die Mauer verlief, hatte mir auch Google keinen freien Zugang zur Gertraudenstraße zeigen können, so dass ich bereits befürchtet hatte, eine nicht geringe Delle in die Ecke des „D“ laufen zu müssen. Aber siehe da: ein Fußweg führte am Hochhaus vorbei und schon hatten wir das „D“ formvollendet geschlossen!

Ephraim-Palais mit FunkturmNeptunbrunnen am Alexanderplatz

Inzwischen hatten wir Kilometer 7 hinter uns und bewegten uns auf dem letzten Abschnitt des Berliner Halbmarathons. Die drei gelben Streifen waren noch deutlich auf dem Asphalt zu sehen. Fast wären wir aus „Gewohnheit“ mitten auf der Straße gelaufen… Am schmucken Ephraim-Palais ging es vorbei und dann links ab in die Spandauer Straße, wo wir uns nun schon auf dem nun anstehenden „W“ befanden. Einmal kurz am Neptunbrunnen für ein Foto Halt gemacht, dann weiter bis kurz vor den S-Bahnhof „Hackescher Markt“ und wieder zurück.

Rotes RathausBaustelle

Beim Fotografieren am Roten Rathaus fiel mir auf, dass ich vergessen hatte, am Nokia-Handy den „Location Tagger“, der die GPS-Daten in die Fotos einbettet, einzuschalten. „Sei schlampig, sei stark, sei Berlin“, kann ich da nur sagen. A propos Berlin-Kampagne: Nur ein kleines Stück um die Ecke des Roten Rathauses kamen wir an Abbruch-Häusern vorbei, an denen ich mir das Rathaus-Banner auch sehr gut vorstellen könnte ;-)

Weltuhr am Alexanderplatz

Auf dem Alexanderplatz angekommen hatten wir das halbe „W“ geschafft. Wie jeder weiß, ist ein halbes „W“ auch nur ein „V“ und das wäre an dieser Stelle vollkommen falsch, also ging es nach kurzem Fotoshooting weiter. Ach, halt, bevor ich es vergesse: Beim Anblick der Weltzeituhr sahen wir, dass Klaus in der Mongolei wohl gerade Mittagessen gehabt haben muss, während wir hier in aller Frühe um kurz nach acht auf dem Platz standen…

Haus des LehrersCafe Moskau an der Karl-Marx-Allee

Am „Haus des Lehrers“ vorbei ging es nun Richtung Karl-Marx-Allee, die mein Berlinführer ein „riesiges Freilichtmuseum der Architektur des sozialistischen Realismus“ nennt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Monumental, bizarr, interessant – es kommen einem hier viele Adjektive in den Kopf. Und riesig ist hier nicht nur ein Wort… Die Straße ist 90 Meter breit und kilometerweit mit Hochhäusern, größtenteils unter Denkmalschutz, gesäumt.

Vor dem ebenfalls denkmalgeschützten Café Moskau – einem von 7 ehemaligen Nationalitätenrestaurants der „VEB HO Gaststätten Berlin“ der DDR – machen wir kurz Halt und lassen das große Mosaik „Aus dem Leben der Völker der Sowjetunion“ im Eingangsbereich auf uns wirken. Dieser 3. Buchstabenlauf hat definitiv etwas von einer Zeitreise in die deutsche Geschichte.

Laufen an der Karl-Marx-Allee

Beim Laufen an dieser enormen ehemaligen Paradestraße geht mir durch den Kopf, dass in diesen Hochhäusern doch zehntausende von Menschen wohnen müssen. Aber weit und breit kaum einer zu sehen. Sonntag früh in der Stadt. Wir haben den gesamten, breiten, baumbestandenen Bürgersteig für uns und können zum ersten Mal ein längeres Stück ohne Zwischenstopp („Wo müssen wir als nächstes abbiegen?“) laufen. In den kleineren Straßen ist man oft gezwungen nach hundert Metern wieder auf den Plan zu gucken, um sich zu orientieren. Das entfällt natürlich auf solch einer Riesenstraße.

Strausberger Platz

Nächster Halt „Strausberger Platz“, wo wir von einem riesigen (ich sag doch, hier ist alles groß!), entschlossen dreinblickenden Jens Lehmann begrüßt werden. „Immer an sich glauben ist das nächste Level“ gibt er uns Buchstabenläufern im Wort zum Sonntag zu verstehen. Nach einer Viertelrunde um den Platz meint man zu verstehen, dass er dabei wohl weniger auf seine Stärke als eher auf das Hase-und-Igel-Prinzip vertraut, denn hier steht er schon wieder, der zweite Lehmann! Und neben ihm Torsten Frings, der einen Ball exakt dahin schießt, wo wir jetzt hinwollen: Richtung Volkspark Friedrichshain.

Andreas und Andreas an der AndreasstraßeÜber den Platz der Vereinten Nationen hinweg laufen wir bis an den Volkspark heran und drehen dann wieder ab. Unser großes „W“ ist nun beendet und wir müssen ein kurzes Verbindungsstück laufen, um mit einem „E“ weitermachen zu können. Hier beginnt wieder die oben beschriebene Detailarbeit, ein ständiges Stop-and-go. Laufen, auf den Plan gucken, besprechen, laufen, gucken, etc. Meine vorbereitete Google-Orientierungskarte führt nicht alle kleinen Straßen auf, so dass wir manchmal etwas im Unklaren sind, wo es nun weitergeht. Aber am Ende finden wir immer unseren Buchstaben-Weg.

Und der führt uns nun geradewegs auf ein Detail zu, das ich zwar geplant hatte, das mich aber nun doch verblüfft. In der Vorbereitungsphase hatte ich gesehen, dass diese Etappe auch über die Andreasstraße führen würde und mir schon fest vorgenommen, ein Foto des Straßenschildes zu machen. Aber dass ich ausgerechnet heute mit Andreas diese Tour auf dieser Straße laufe, das wurde mir erst jetzt bewusst. Andreas und Andreas vor dem Straßenschild der Andreasstraße. Klasse! Aber wer sollte uns hier am frühen Morgen fotografieren? Glücklicherweise kam gerade eine ältere Dame des Weges und übernahm nach ein wenig Überredungskunst den Part der Sportfotografin…

Karl-Marx-Allee mit Blick auf den Fernsehturm

Zwischendurch kreuzen wir mal wieder die Karl-Marx-Allee – wie man sieht hatte sich das Wetter deutlich gebessert – und machen uns nun ans Werk, den letzten Buchstaben für heute zu schaffen, ein „G“. Das führt uns auf leicht ansteigenden Straßen bis zum Petersburger Platz, an dem wir kehrt machen und wieder bergab zurück laufen – nicht ohne noch einmal die Karl-Marx-Allee überquert zu haben.

Neues DeutschlandAltes Gebäude

Eigentlich sind wir auf der Straße der Pariser Kommune bereits auf dem Weg Richtung Heimat (= Ostbahnhof = Auto), aber es fehlt noch der untere Bogen des „G“ und so setzen wir dann zum letzten „Strich“ an und biegen am Redaktionsgebäude der „Sozialistischen Tageszeitung Neues Deutschland“ ab.

Make love not war

An der Rüdersdorfer Straße steht ein VW-Bus, beschriftet mit Parolen der 68er-Generation, der natürlich unbedingt fotografiert werden muss. Diese Mischung aus Che Guevara, Kruzifix, baumelnden Baby-Fußballschuhen und Kätzchen-Sonnenschutz… fantastisch! Und „Make love not war“ auf einem Bus in militärgrün hat natürlich auch was. Gegenüber, hinter einem Drahtzaun, liegt die Baustelle für die neue „O2-World“. Ich stelle mir vor, wie der Bus nachts „Make love not war“ seufzt und es hinter dem Zaun verheißungsvoll „O2 can do!“ säuselt…

Frankfurter TorAltes Haus

Aber wir sind ja zum Laufen hier, also weiter, links die Warschauer Straße hoch bis zum Frankfurter Tor, einem weiteren großen Platz auf der Karl-Marx-Allee. Ein kurzes Stück nach links die Allee hinein und wieder zurück, damit das „G“ auch einen Mittelstrich bekommt. Nachdem das geschafft ist, heißt es jetzt den Rückweg anzutreten. Wir passieren dabei bereits sanierte, tolle Wohnhäuser ebenso wie Schmuckstücke, die noch darauf warten, dass jemand (viel) Geld in sie steckt und sie zu alter Pracht erweckt.

Werbung Sie sind am Ziel

Auf der Straße der Pariser Kommmune laufen wir nun wieder auf den Ostbahnhof zu, an dem uns ein Schild herzlich willkommen heißt: „Sie sind am Ziel.“ Na, sag ich doch! Unsere letzte Aufgabe für den Sonntagmorgen: an der East Side Gallery jemanden zu finden, der ein Finisher-Foto von uns macht…

Abschließend noch mein Dank an Andreas für diesen wirklich unterhaltsamen, gemeinsamen Lauf am frühen Sonntagmorgen!

Vor der East Side Gallery am Ende der 3. Buchstabenlauf-Etappe

» Fotos der 3. Buchstabenlauf-Etappe in besserer Qualität auf flickr.com
» Berlinkarte mit den Fotos der 3. Buchstabenlauf-Etappe auf flickr.com
» Luftbild mit dem 3. Buchstabenlauf in höherer Auflösung (1,6 MB)
» Luftbild mit dem Buchstabenlauf-Gesamtstatus in geringer Auflösung (124 k)
» Luftbild mit dem Buchstabenlauf-Gesamtstatus in hoher Auflösung (3,7 MB)

Kategorien

Buchstabenlauf, Lauferfahrungen, Laufevents

2 Kommentare zu “Buchstabenlauf – Die 3. Etappe”

  1. klaus sagt:

    Was haben Berlin und UlanBator (UB) gemein? Die Bauten der „Vorwendezeit“. In der Mongolei reicht der Einfluss der Sowjetunion allerdings zurück bis in die 20er Jahre. UB hat ziemlich mit der Luftverschmutzung zu kämpfen: ich nehme an, dass Laufen hier eher gesundheitsschädlich ist … Wir absolvieren in UB einen einwöchigen Sitzungsmarathon – das ist in Jürgens und meinen Trainigsplan eigentlich nicht vorgesehen. Außerhalb von UB hat die Mongolei unendliche, herrliche Weiten zu bieten: einen Buchstabenlauf müssten wir allein mit einem GPS navigieren. Allerdings gibt es wenige Leute, die Du dann nach dem Weg fragen kannst. Andreas: dat wär DAS neue Projekt! Wieder ein super Bericht – mir kribbeln schon die Füße!

  2. CO2-Schleuder sagt:

    Ich als „Mitläufer“ auf dieser Buchstaben-Etappe bin total begeistert. Noch nie habe ich meine Heimatstadt aus dieser Perspektive kennengelernt. Die Zeit verging schnell und die vielen Kilometer merkte man gar nicht. Ich freue mich schon auf die nächste Etappe. Ein großes Lob an Andreas für die professionelle Umsetzung der Challenge.

    P.S. Klaus, war es Zufall das deine Mail aus der Mongolei genau um 5:42 abgeschickt wurde. Das ist ja unsere Zeit

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