100 Meilen von Berlin – Impressionen vom Ultralauf-Wettkampf auf dem Mauerweg

Veröffentlicht am 21.08.2011 | 8 Kommentare

Läufer und Mann mit Wasserflasche

Da mich wie bereits erwähnt, mit dem Mauerweg so einiges verbindet, habe ich mich am gestrigen Samstagmorgen an die Strecke der 100 Meilen von Berlin – dem Ultralauf über 160,9 km auf dem Berliner Mauerweg – begeben. Und dabei nicht nur die Ultraläufer bestaunt, sondern auch noch eine nette Zufallsbekanntschaft gemacht…

Mann mit Getränkeflaschen

Als ich nämlich an der Stelle des Mauerwegs ankam, an der ich die ersten Läufer erwarten wollte, stand dort bereits ein Mann in Berlinflaggen-Jacke vor einem Haufen von Wasserflaschen. Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Filmemacher Gerd Conradt, der anlässlich des 50. Jahrestages des Mauerbaus den Film „Mauerweg-Stafette“ (einen Clip von der ersten Etappe des Filmprojekts gibt es hier) gedreht und sich nun freiwillig als Helfer für die 100 Meilen von Berlin zur Verfügung gestellt hatte.

Mauerweg-Beschilderung

Ein wirklich spannendes Zusammentreffen: er hatte auf dem Mauerweg einen Film über eine Mauerweg-Stafette gedreht, ich hatte mit Freunden einen Staffellauf auf dem Mauerweg organisiert und gemeinsam warteten wir hier auf die ersten Läufer der 100 Meilen von Berlin, einem Ultralauf-Wettkampf auf… dem Mauerweg!

Läufer mit Begleitfahrrädern auf dem Mauerweg

Die Läufer waren um 6 Uhr gestartet und wir fragten uns, wann wohl der erste bei uns (etwa km 40) durchkommen würde. Inzwischen war es kurz nach halb zehn und ich beschloss, den Läufern auf dem Fahrrad ein Stück entgegen zu fahren. Und da entdeckte ich ihn schon, den ersten des Feldes, begleitet von zwei Sanitätern auf Rädern.

Läufer mit Sanitätern auf Fahrrädern

Ich rief ihm ein paar aufmunternde Worte zu – etwas absurd, als einziger „Zuschauer“ mitten in der Pampa – und fuhr hinterher. Er war ziemlich flott unterwegs und machte einen sehr frischen Eindruck.

Ultraläufer auf dem Mauerweg

Erstaunlicherweise war das Läuferfeld sehr weit auseinander, denn der zweite Läufer kam erst etwa fünf Minuten später bei uns durch.

Läufer bekommt Wasser

Gerd füllte ihm seine Trinkflasche auf, es gab ein paar kurze Worte und schon war auch er wieder weiter.

Bodenmarkierung: ein Pfeil zeigt Läufern den Weg

Erneut machte ich mich auf, um nach weiteren Läufern Ausschau zu halten, aber es waren erst einmal keine in Sicht.

Läufer kurz vor der B101

Gerd und ich vertrieben uns die Zeit mit angenehmer Diskussion (bei seiner Mauerweg-Stafette waren Mitschülerinnen meiner Tochter mitgelaufen – die Welt ist klein) als plötzlich wieder Läufer zu sehen waren. Auch sie mussten erst an der Ampel die B101, an der wir standen, überqueren und liefen nach ein paar freundlichen Worten gut gelaunt und dynamisch weiter.

Läufer an einer Biegung des Mauerwegs

Was wir zu diesem Zeitpunkt nicht wussten: wir hatten soeben mit Michael Vanicek und Jan Prochaska die späteren Sieger der 100 Meilen von Berlin gesehen! Sie bewältigten die für Außenstehende unglaublich lange Strecke von 160,9 km in 16:22 Stunden!

Ultraläufer der 100 Meilen von Berlin und Gerd Conradt mit Wasser

Nun wurden die kurzen „Gastspiele“ der Läufer immer dichter und Gerd und ich gaben allen, neben Wasser, noch ein paar aufmunternde Worte mit auf die Reststrecke.

Läufer an einer Getränkestelle der 100 Meilen von Berlin

Dann kam ein Läufer durch, den Gerd kannte und von dem er mir anschließend ein wenig erzählte (und einiges habe ich nachträglich recherchiert): Roland Winkler ist nämlich so etwas wie eine Lauflegende, ist unter anderem 37 Mal den Rennsteiglauf gelaufen (hat ihn 1976 sogar gewonnen), war 1972 mit seiner Bestzeit von 2:17:13 Stunden im DDR-Olympiakader für den Marathon und hielt mit 6:45 Stunden den DDR-100-km-Rekord. Eine echte Persönlichkeit die auch außerhalb der Laufstrecke viel für den Laufsport getan hat.

Marika Heinlein bei den 100 Meilen von Berlin

Wenig später kam mit Marika Heinlein die erste Frau – und spätere Siegerin der Frauen in 17:49 Stunden – bei uns durch. Wie so manche zuvor verzichtete sie auf das von Gerd angebotene Wasser, da sie noch genug dabei hatte (und der nächste offizielle Verpflegungspunkt nur noch 2 Kilometer entfernt war).

Läufer auf dem Mauerweg

Immer mehr Läufer passierten nun die kleine Getränkestation, und wenn ich bedenke, dass sie mit etwa 40 Kilometern bereits fast einen Marathon hinter sich hatten, dann sahen sie nahezu alle beeindruckend frisch aus – so locker möchte ich beim Finish eines Marathons mal aussehen…

Läufer passiert die Getränkestelle in Marienfelde an der B101

Und noch eine Frohnatur, die lächelnd und dankend („Ich hab noch Wasser…“) an uns vorbeilief. Später fand ich heraus, dass das Jürgen Baumann war, ein Lauf-Späteinsteiger, der mit 40 Jahren und 100 Kilo vom Rauchen auf das Laufen umgestiegen und inzwischen bei Ultraläufen angelangt ist. Alle Achtung!

Läufer wartet an Ampel

Während wir da an der Ampel standen – sobald ein Läufer in Sicht kam drückten wir schnell den Knopf, aber das dauerte jedes Mal eine gefühlte Ewigkeit – sprachen uns so einige Passanten an, was das denn für ein Lauf sei. Um dann große Augen zu bekommen, wenn sie erfuhren, dass diese Läufer gerade im Begriff waren, über 160 Kilometer hinter sich zu bringen.

Läufer bekommt von Gert Conradt Wasser

So langsam näherte sich meine Zeit bei den 100 Meilen von Berlin dem Ende, das Familien-Wochenendprogramm rief. Ich war völlig begeistert von den netten und entspannten Ultraläufern und den interessanten Gesprächen mit Gerd.

Läufer-Gruppe, begleitet von Fahrrädern

Während sich wieder eine neue Läufergruppe näherte, verabschiedete ich mich von Gerd und machte mein Fahrrad startklar.

Läufer auf dem Mauerweg zwischen den Feldern

Mit den Gedanken an die Läufer, die noch 120 Kilometer vor sich hatten, machte ich mich auf den Heimweg.

Kategorien

F-Klasse-Laufen, Laufevents

8 Kommentare zu “100 Meilen von Berlin – Impressionen vom Ultralauf-Wettkampf auf dem Mauerweg”

  1. Sven sagt:

    Danke für den tollen Bericht. Mein Terminkalender hat leider eine persönliche Stippvisite nicht zugelassen, aber die Bilder und der Text sind eine kleine Entschädigung dafür ;-)

  2. Gerd Conradt sagt:

    lieber andreas, du hast einen wunderbaren bericht geschrieben und bebildert. es ist schön, dass wir uns auf diese weise kennengelernt haben. deine fotos sind tolle dokumente! so wie du, war auch ich von den läufer/innen beeindruckt und habe diese kleine unterstützung für diese tolle aktion gerne gemacht. als ich die laufzeiten hörte, mit den der mauerweg erlaufen wurde, stieg meine hochachtung vor allen teilnehmer/innen und auch den organisatoren.
    der film MAUERWEGSTAFETTE wächst und entwickelt sich weiter – nachrichten sind über unsere seite bei facebook zu finden.
    gerd

  3. Christiane sagt:

    Danke für den tollen Bericht. Von dem Mann mit der Berlin-Flaggen-Jacke habe ich mir auch mein Wasser nachfüllen lassen. Die Leute sollten ein Schild oder eine Startnummer tragen, damit wir nachher wissen, welche berühmte und engagierte Naturen uns an der Strecke betreut haben.
    Übrigens krieg‘ ich von deinem Bericht mehr Gänsehaut als von meinem…

  4. ultraistgut sagt:

    Wie schön, dass du auch mal in die Ultraszene hinein gerochen hast.

    Die Sieger Michael und Jan sind tolle, sehr, sehr sympathische und bescheidene Typen, die man überall in der Szene treffen kann. Auch die kleine, schnelle Marika läuft wie ein Wiesel und hat selbst in den schwersten Stunden immer noch ein gutes Wort für die anderen Läufer, ebenso wie Michael und Jan.

    Danke ! 8)

  5. Andreas sagt:

    @Sven
    Ich musste auch unbedingt dabei sein: wenn man schon einmal einen großen Laufevent direkt vor der Tür hat…

    @Gerd
    Ich werde bestimmt öfter mal rein- und dem Film beim Wachsen zugucken!

    @Christiane
    Berichte schreiben ist einfach, 160,9 km laufen ist unglaublich. Habe soeben deinen überwältigenden Bericht gelesen. Für alle Interessierten:
    Berliner Mauerweglauf – Mein erster 100-Meiler (Teil 1)
    Berliner Mauerweglauf – Mein erster 100-Meiler (Teil 2)

    @Margitta
    Ja, vielleicht wage ich mich ja auch mal über die klassischen 42,2 km hinaus. Aber weiter als bis 50 oder 60 Kilometer kann ich nicht einmal denken…!

  6. Running Twin Marek sagt:

    Schwer beeindruckend, wie man diese Distanz läuferisch bewältigen kann. Einen Kollegen, der nach 22h ins Ziel kam, konnte ich beim Run4Japan dieses Jahr persönlich kennenlernen, da hat er noch Werbung für die 100 Meilen gemacht. Wahnsinnsleistung!

  7. Andreas sagt:

    @Marek
    Ich finde es immer faszinierend, dass solche Leistungen von Menschen erbracht werden, denen man das im Alltag niemals ansehen würde. Und, wie alle Läufer, sind auch die Ultraläufer anscheinend alles nette, symphatische Zeitgenossen.

  8. Mo Sahan sagt:

    Super schöne Fotos! Danke an Gerd Conradt für seine tatkräftige Unterstützung. Ich freue mich jedesmal, wenn ich an das letzte Wochenende und die schöne Stimmung im Lobeckstation denke! :-)

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