Marathon bei der EM 2010 in Barcelona: Gedanken zum Laufstil der Top-Läufer

Veröffentlicht am 02.08.2010 | 2 Kommentare

Viktor Röthlin im Ziel des EM-Marathon

Früher habe ich im Traum nicht daran gedacht, mir Leichtathletik-Veranstaltungen im Fernsehen anzusehen. Das hat sich allerdings in den letzten Jahren – seit ich selber an Laufevents teilnehme – geändert, da ich nun etwas mit den Läufen und den Läufern verbinden kann, weiß, was es heißt, sein Tempo über 42 Kilometer richtig einzuteilen. Darüber hinaus kann man bei der Beobachtung der Profis natürlich auch eine Menge über den Laufstil lernen. Dachte ich zumindest. Beim gestrigen Marathon der Leichtathletik-EM in Barcelona habe ich dann aber ziemlich gestaunt…

Laufstil bei den Marathon-Profis beobachten

Viktor Röthlin beim MarathonDa hatte ich doch in meinem Artikel Von Vokuhila, Läufer-Dreieck und dem optimalen Laufstil all mein angelesenes Wissen über den guten, effektiven Laufstil zusammengetragen, und selbstverständlich auch versucht, diese Erkenntnisse im Lauftraining und Wettkampf umzusetzen. Und dann das. Bereits in der Anfangsphase des EM-Marathon-Rennens fiel mir der Russe Abramov auf, der sich mit einem doch auffällig unökonomischen Laufstil an die Spitze des Feldes gesetzt hatte. Große Schritte, die eigentlich den Lauffluss bremsen, und recht weit nach außen arbeitende Arme sollten eigentlich – gemäß der Laufstil-Theorie – nicht vorkommen. Man könnte versucht sein zu sagen, kein Wunder, dass er nachher immer weiter nach hinten durchgereicht wurde, wenn da nicht der souveräne Sieger des Marathons gewesen wäre. Der Schweizer Viktor Röthlin lief nicht nur ein tolles Rennen, er fiel mir ebenso durch seine absolut „bremsende“ Armarbeit auf.

Die Läufer-Armbewegung in der Laufstil-Theorie

Die Laufstil-Theorie besagt, dass die Armarbeit für das effektive, ökonomische und somit schnelle Laufen von enormer Bedeutung ist. Durch den Schwung der Arme kommt es nämlich zum so wichtigen Kniehub, der energische Einsatz der Arme gibt durch die Kreuzkoordination auch das Tempo für die Beine vor. Optimal ist es für die Pendelbewegung der Arme daher, wenn sie in möglichst kraftschonenden Bahnen ausgeführt wird. Das bedeutet nicht nur, dass das Läufer-Dreieck nicht geöffnet werden sollte, sondern, dass die Arme in einer möglichst geraden Vor- und Zurückbewegung parallel zum Rumpf geführt werden sollten.

Der optimale Laufstil in Theorie und Praxis

Viktor Röthlin auf dem Weg zum Ziel des EM-Marathon
Von dieser idealen Bewegungsbahn war beim Profi-Läufer Röthlin – der nicht nur als penibler Vorbereiter seiner Rennen gilt, sondern auch auf seiner Website Laufstil-Seminare anbietet („Verbessere Deine persönliche Lauftechnik unter der Anleitung von Viktor Röthlin. Während ca. 120 Minuten wird an der Optimierung Deines Laufstils gearbeitet. “) – überraschenderweise gar nichts zu sehen. Die Arme bewegten sich deutlich nach außen, die Hände wurden quer vor den Körper geführt. Zum Ende des Marathons war sogar zu beobachten, dass die Arme sich unterschiedlich bewegten: während der rechte Arm noch halbwegs am Körper blieb, schlug der linke Arm in einer öffnenden Bewegung immer weiter nach außen aus, von Parallelität und Läufer-Dreieck keine Spur!

Ist die Theorie vom optimalen Laufstil falsch?

So, und damit jetzt keiner auf den falschen Gedanken kommt („Spinnt der? Hier den Laufstil von Weltklasse-Marathon-Läufern zu kritisieren! Soll erst einmal selber so schnell laufen, die Schnecke!“), füge ich vorsichtshalber noch hinzu, dass ich keineswegs vorhabe, an unseren Idolen herumzukratzen. Viktor Röthlin ist ein erstklassiger Läufer, der diesen Marathon in der Hitze von Barcelona bewundernswert souverän gelaufen ist. Ich möchte vielmehr mit dem zuvor Geschriebenen die Laufstil-Theorie etwas in Frage stellen.

Die theoretischen Gedanken zur Armführung finde ich sehr einleuchtend und nachvollziehbar, aber in der Praxis scheinen sie bei den meisten Läufern keinesfalls ausschlaggebend zu sein. Sowohl bei diesem Profi-Marathon, bei dem eine Vielzahl von Teilnehmern die Arme vor die Brust führte (manche sogar fast bis zur gegenüberliegenden Brustseite) als auch bei den Laufevents bei denen ich bisher gestartet bin und oft dachte: „Wie kann man denn mit dem Laufstil so schnell sein?“.

Wer Erfolg hat, hat Recht, und so geht von hier aus ein großer Glückwunsch an Viktor Röthlin!

Und ich werde trotzdem weiterhin auf meine Armführung achten, da ich immer noch die Hoffnung hege, dass ein optimierter Laufstil aus mir einen etwas besseren Läufer macht ;-)

Kategorien

F-Klasse-Laufen, Laufevents

2 Kommentare zu “Marathon bei der EM 2010 in Barcelona: Gedanken zum Laufstil der Top-Läufer”

  1. Hannes sagt:

    Bei solchen Dingen frage ich mich dann nicht, wie jemand dennoch so schnell sein könne, sondern was wohl noch möglich wäre mit einem perfekten Laufstil. Wobei doch schon Zatopek damals vorgemacht hat, dass der Laufstil nicht das wichtigste ist.

    Danke auf jeden Fall für die Analyse, da ich selbst den Marathon nicht sehen konnte!

  2. Christian sagt:

    Röthlins Laufstil ist, so wie Du ihn beschreibst und auch wie es auf den Bildern erkennbar ist, sicherlich unökonomisch. Das bedeutet, dass Du durchaus seinen Laufstil, und nicht die bewegungswissenschaftliche Grundlage zu einer möglichst energieeffizienten Lauftechnik kritisieren darfst.
    An dem Punkt stimme ich dann auch Hannes zu – wer weiß wie schnell er laufen würde, wenn seine Technik etwas besser wäre.
    Allerdings ist es nach vielen vielen Trainings- und Wettkampfkilometern recht kompliziert eine neue Technik so zu erlernen, dass man sich damit wohlfühlt und nicht in unkonztrierten Momenten wieder in das alte Bewegungsmuster zurückfällt.
    Wer also auf eine gute Lauftechnik wert legt (und es gibt gute Gründe darauf zu achten), der sollte sie von Beginn an verinnerlichen.
    Liebe Grüße =)

Kommentare sind geschlossen.