Schlagzeugspielen statt Laufen?

Veröffentlicht am 23.07.2008 | Kommentare deaktiviert für Schlagzeugspielen statt Laufen?

SchlagzeugerDa habe ich doch gerade im letzten Artikel „Langer Lauf zwischen Maisfeldern“ die Band Blondie erwähnt, schon erscheint heute die Meldung „Trommeln ist Hochleistungssport“ im Tagesspiegel! Und da steht dann einiges drin, was man einfach nicht so stehen lassen kann…

Ich zitiere: „Die Belastungen für Burke sind genauso hoch wie für einen Premier-League-Fußballer der Marke Cristiano Ronaldo. In dem 90-minütigen Set kam Burkes Herzschlag im Durchschnitt auf 150 Schläge pro Minute. Noch rasanter wurde es, als Burke Blondie-Hits wie „Heart of Glass“ oder das zackige „Call me“ trommelte. Sein Herzschlag erhöhte sich dabei auf 190 Schläge pro Minute. Während des Sets wurden neben dem Herzschlag auch seine Atmung und sein Kalorienverbrauch gemessen. „Er hat in dieser Zeit rund 600 Kalorien verbrannt, was eine Menge ist“…

Mal abgesehen davon, dass Blondie eine tolle Band ist, der Schlagzeuger Clem Burke sicher nicht minder toll und die englischen Wissenschaftler sicher präzise gearbeitet haben, so ist auf dem Weg von der wissenschaftlichen Untersuchung bis in die Zeitung doch einiges verloren gegangen.

1. Der Herzschlag als absoluter Wert

Der Herzschlag ist bei jedem Menschen individuell, der Maximalpuls kann – unabhängig vom Trainingsstand –  bei dem einen 160 Schläge pro Minute und bei dem anderen über 200 Schläge pro Minute betragen. Darüber hinaus kann der Puls selbst bei Menschen gleichen Geschlechts, Alters und Trainingsstands unterschiedlich sein. Ein einzelner Wert von 150 Schlägen pro Minute kann also bei dem einen beim lockeren Traben vorkommen, während beim anderen damit fast der Maximalpuls erreicht ist. Ich gehe davon aus, dass die meisten Freizeit-Marathonläufer bei dieser Pulsfrequenz über 3,5 bis 4,5 Stunden den Marathon bestreiten.

2. Der Herzschlag im Vergleich

Aus dem soeben Erwähnten lässt sich unweigerlich folgern, dass man die Pulsfrequenzen zweier Menschen nicht vergleichen kann. So kommen sicherlich übergewichtige, untrainierte Menschen leicht beim Treppensteigen auf Pulswerte nahe der 150 und es käme niemand auf die Idee, diese persönliche Anstrengung mit der Leistung von Cristiano Ronaldo zu vergleichen… Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass z.B. Säuglinge einen Ruhepuls(!) von ca. 130 haben. Fast Premier-League-tauglich könnte man meinen ;-)

3. Der Kalorienverbrauch

Gänzlich unerklärlich ist mir der angegebene Kalorienverbrauch von 600 Kalorien bei 90-minütigem, intensiven Schlagzeugspiel. Wer die im Internet zuhauf zu findenden Kalorienrechner befragt, bekommt dort nach Angabe seines Alters, seiner Größe und seines Gewichts für verschiedene Tätigkeiten den Kalorienverbrauch angezeigt. Ich habe dort z.B. für einen 90-minütigen langsamen Dauerlauf im 6,2 Min/km-Tempo einen Kalorienverbrauch von 1086 kcal ermittelt. Und auch meine TK-Drehscheibe zeigt für 1 Stunde langsames Joggen (7 Min/km) eines 70-kg-Menschen bereits 570 kcal an. Wenn diese Werte auch sicherlich nur grob verallgemeinert sind, so erscheinen doch die 600 Kalorien des Blondie-Drummers verhältnismäßig gering. Vielleicht ist eine 1 vor der 600 verloren gegangen?

Fazit

Schlagzeugspielen ist anstrengend, Premier-League-Fußball ist anstrengend, Laufen ist anstrengend – aber individuelle Leistungen anhand der Pulsfrequenz zu vergleichen ist eine schwierige Sache. Wenn dann am Ende alles auch noch durch die Presse gejagt wird, kann einem schon mal die Puste ausgehen. Zumindest vor Lachen. Das wiederum verbraucht auch Kalorien – nämlich etwa 50 kcal bei 10-minütigem Gelächter

PS: Der einen Tag zuvor erschienene Artikel „Rock drummers ‚are top athletes’“ der BBC erwähnt übrigens einen Kalorienverbrauch von 400-600 kcal pro Stunde. Ein nicht ganz unbedeutender Unterschied, denn das macht 900 kcal in 90 Minuten, mein lieber Tagesspiegel!

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