
Am 13. August war es nun 65 Jahre her, dass Berlin quasi über Nacht in zwei Teile geteilt und viele Berliner Freund:innen und Verwandte getrennt wurden. Andreas IV. und ich wollten unsere Tradition („ab 2 Mal ist es eine Tradition“) der Ost-West-Läufe fortführen, also hatte ich mir für dieses Jahr eine Strecke durch die Innenstadt ausgedacht, vorbei an einigen wichtigen Erinnerungspunkten…

In Berlin gab es in der Woche um den Jahrestag herum viele offizielle Veranstaltungen und eine spannende Installation am Brandenburger Tor (siehe erstes Foto), aber dazu später.

Nach tagelangem Sonnenschein mit sehr hohen Temperaturen begrüßte uns der Laufsonntag nun mit moderaten 18 Grad und Bewölkung. Genau zur Startzeit gab es dann auch noch einen kräftigen Regenguss, aber danach konnte es gemeinsam losgehen. Mit Andreas IV., Hartmut, Klaus, Joachim und Adrian sowie Radbegleiterin Christiane lief ich los.

Der offizielle Mauerweglauf, die 100 Meilen von Berlin, hatte am Vortag stattgefunden und hier Spuren hinterlassen.

Wie so oft lief Hartmut munter voraus, als wir uns vom Brandenburger Tor auf der Straße Unter den Linden Richtung Fernsehturm auf den Weg machten.

Am Bebelplatz vorbei…

… und über die Schlossbrücke (mit derzeit eingerüsteten Skulpturen) …

… kamen wir zur Stelle, an der früher der Palast der Republik der DDR gestanden hat. Die dafür die Ruine des Berliner Schlosses gesprengt hatte. Woraufhin der „Palast“ nach dem Ende der DDR ab 2006 wieder abgerissen und an seiner Stelle erneut das Berliner Schloss errichtet wurde…

Am Vortag unseres Laufs hatten nicht nur die 100 Meilen von Berlin sondern auch die Techno-Parade „Rave the Planet“ zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule stattgefunden. Mal abwarten, ob wir da noch Überreste auf unserem Rückweg sehen würden. Wir liefen auf den Fernsehturm zu und bogen davor nach rechts ab…

… Richtung Rotes Rathaus. Das wurde übrigens nach dem Krieg wieder für den Ost-Berliner Magistrat aufgebaut und der Schlüssel an den Ost-Berliner Oberbürgermeister mit den denkwürdigen Worten des beauftragten Bauarbeiters übergeben: „Von hier aus wird einst ganz Berlin verwaltet werden.“ An Kai Wegner hat er dabei sicherlich nicht gedacht.
Kurz vor dem Rathaus machten wir erneut einen Schwenk nach rechts und befanden uns nun wieder auf dem Weg Richtung Westen.

Zwischendurch gab es ein Foto der gutgelaunten Laufgruppe…

… bevor es weiter vorbei an der Friedrichswerderschen Kirche ging…

… vor der ein Bärenbrunnen steht.

Bald darauf umrundeten wir den Gendarmenmarkt…

… mit dem Konzerthaus auf dem neuen…

… und leider völlig zugepflasterten baumlosen Platz.
Platz des Volksaufstands von 1953

Bald hatten wir den Platz des Volksaufstands von 1953 erreicht und ich betrachtete erst einmal das sozialistische Wandbild, das hier – meist unbeachtet hinter Säulen – noch von damals hängt.

Hier, vor dem Gebäude des ehemaligen Hauses der Ministerien (heute Bundesfinanzministerium) hatten sich damals, am 16. Juni 1953, tausende Bauarbeiter versammelt, um ihre Forderungen zu überbringen.

Das Bodendenkmal des Künstlers Wolfgang Rüppel zeigt ein Foto von untergehakten Arbeitern, wie es sie damals beim Aufstand in über 700 Städten der DDR gab.

Stelltafeln erinnern heute auf dem Platz an die vielen Streiks, Demonstrationen und zum Teil blutigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften…

… die dann mit Gewalt von der sowjetischen Besatzungsmacht unter Beteiligung von DDR-Polizeikräften beendet wurden.

Noch ein letztes Foto und dann machten wir uns wieder auf den Weg.

Am Leipziger Platz überquerten wir den Verlauf der Mauer…

… und kamen wieder in das frühere West-Berlin. Ein „Ost-Berlin“ gab es damals – zumindest aus DDR-Sicht – nicht: Als ich als junger Mann zu einem Tagesausflug in den Ostteil der Stadt wollte und dem Grenzer am Übergang sagte, ich wolle mir Ost-Berlin ansehen, wies er mich zurecht „Sie meinen, Sie wollen nach Berlin, Hauptstadt der DDR!“.
Mauersegmente am Potsdamer Platz

Am Potsdamer Platz stehen zur Erinnerung noch Mauersegmente (leider mit tausenden von Touristen-Kaugummis verklebt) mit weiteren Infotafeln…

… die ein wenig von den damaligen Geschehnissen zeigen.

Durch das Sony Center…

… liefen wir nun in den Tiergarten, der aufgrund des CSD-Anschlags für die gestrige Rave-the-Planet-Parade mit Pollern abgesichert war.

Nach der Stadt mit den vielen Erinnerungsorten konnten wir zur Entspannung nun Natur und Ruhe genießen…

… und unbeschwert plaudernd durch den Park laufen.

Kleines, aber wichtiges Detail am Rande: Fast auf den Tag genau vor 10 Jahren waren Andreas IV., Hartmut, Klaus und ich bei den 100 Meilen von Berlin als 4er-Staffel auf dem Mauerweg um die halbe Stadt gelaufen – und trugen nun als kleine Hommage wieder die Laufshirts von damals.

Am westlichen Ende des Tiergartens liefen wir einen kleinen Bogen, um dann auf dem Bremer Weg zurück zum Ausgangspunkt Brandenburger Tor zu kommen. Hier, parallel zur Straße des 17. Juni (die früher im Westen die Erinnerung an den DDR-Volksaufstand erhalten sollte), waren von der gestrigen Parade immer wieder Flaschen und Müll auf den Wegen zu sehen.

Bald wechselten wir vom Park an die große Straße…

… und Christiane machte kurz vor dem Ziel unseres Rundlaufs noch ein weiteres Gruppenfoto. An dieser Stelle muss ich noch ergänzen, dass Joachim und Adrian die Laufshirts von unserem Mauerweg-Lauf 2009 trugen. Damals sind wir mit Freundinnen, Freunden und Bekannten einmal den Verlauf der Mauer in Staffelgruppen abgelaufen.
Der Rufer

Die Statue „Der Rufer“ von Gerhard Marcks wurde ursprünglich für Radio Bremen erschaffen. Seit Anfang 1989 steht ein Abguss davon in Sicht-(und Ruf-!)weite der früheren Grenze.

Der Sockel trägt ein Zitat des Dichters Francesco Petrarca: „Ich gehe durch die Welt und rufe: Friede, Friede, Friede“. Das kann man gerade heute nicht oft genug wiederholen.

Vor dem Brandenburger Tor warteten Fahrzeuge und Mitarbeiter:innen der BSR auf ihren Einsatz – bei dem sie dann später 80 Kubikmeter Müll der Technoparade beseitigten!
Gedenkstätte Weiße Kreuze

Bevor wir unseren Lauf beendeten, machten wir noch einen kleinen Abstecher nach links zum Gedenkort Weiße Kreuze.

Hier wurde die Laufgruppe noch einmal still und nachdenklich beim Lesen der Texte auf den Kreuzen. Sie erzählen, unter welchen Umständen die jeweilige Person beim Versuch, die Mauer oder die Grenzanlagen zu überwinden, zu Tode kam.

Dann war unser Lauf beendet und wir überquerten ein letztes Mal die Kopfsteinpflaster-Doppelreihe, die den Verlauf der früheren Mauer markiert.
Installation am Brandenburger Tor

Vor dem Brandenburger Tor gab es noch die Installation des Künstlers Hubertus Hamm zu bewundern. Von weitem sah sie aus wie eine undurchdringliche Mauer, aber beim Näherkommen und in bestimmten Blickwinkeln konnte man hindurchsehen.

Mit diesen und all den anderen Eindrücken verabschiedeten wir uns voneinander. Auf dem Rückweg sah ich am S-Bahnhof noch dieses Plakat, dass auf den früheren „Geisterbahnhof“ Brandenburger Tor hinwies. Tatsächlich kann ich mich noch von einem ganz frühen Berlin-Besuch an die Stimmung erinnern, wenn man mit der S-Bahn ohne Halt langsam durch die dunklen, spärlich beleuchteten Bahnhöfe fuhr und nur vereinzelte Wachsoldaten auf dem Bahnsteig sah. Ein Glück, dass das nun Geschichte ist.
