
Vor einer Woche stand ich beim S25 Berlin am Start, zusammen mit Klaus und Otto. Es war immerhin mein 18. S25 – und in diesem Jahr (wie im vergangenen, wo ich aber nicht teilnehmen konnte) mit neuer Strecke entlang der AVUS und die hügelige Havelchaussee hinauf…

Nach langer Verletzungspause im Herbst, Eiszeit in Berlin und einem Sturz mit Rippenprellung war ich froh, überhaupt am Start zu stehen.

Entsprechend waren die Erwartungen an die Zielzeit nicht allzu groß und pendelten zwischen „überhaupt ankommen“, „ohne erneute Verletzung ankommen“ und „vielleicht unter 2:45h, unter 2:40h wäre schön“. Kurz vorher hatte ich mich zudem entschieden, den Lauf mit „Run-Walk-Run“ (Jeff Galloway) anzugehen. Nicht in festen Intervallen, aber die Getränkestationen und die Steigungen wollte ich für (kurze) Gehpausen nutzen, um eine erneute Verletzung zu vermeiden.
Der Countdown wurde heruntergezählt und mit dem Startschuss schossen auch rote Rauchwolken in den Berliner Himmel. Über das Wetter konnten wir uns jeden Fall nicht beklagen: Ideale Bedingungen bei bewölkten 13 Grad. Los ging’s!

Klaus und ich wollten möglichst zusammen laufen, Otto war eine andere Liga und schnell nicxht mehr zu sehen. Vom Olympiastadion ging es wie immer die Olympische Straße hinunter. Aber dann bogen wir direkt vor der Reichsstraße (der früheren Streckenführung) rechts in die Preußenallee ab.

Am Raußendorffplatz mit der Statue „Der Ringer“ von Hugo Lederer (das Schild am Sockel benennt die Statue „Läufer“, was aber wohl ein Missverständnis ist) …

… liefen wir hinüber in die Jafféstraße.

Bei Kilometer 3 wurde klar: Wir liefen mit etwa 5:50 km/Min. deutlich schneller als die 6:25 min/km für meine „Traumzeit“ von 2:40h.

Aber es lief halt so flüssig, und so ließen wir uns mit der Masse treiben und waren bald an der AVUS-Tribüne angekommen.

Vor der Tribüne bogen wir nach rechts ab in die Eichkampstraße.

Zuschauerinnen und Zuschauer gibt es an der neuen Strecke wenig, aber hier waren ein paar Hotspots mit kleinen Pulks, die für Stimmung sorgten.

Aufgrund des Streckenplans war klar: Ab der Tribüne würde es 8 Kilometer stur geradeaus gehen, immer parallel zur AVUS.

Nach einem erneuten Zuschauerpunkt…

… liefen wir auf dem Kronprinzessinnenweg weiter. Dieser war perfekt asphaltiert, alle um uns herum hielten still dasselbe Tempo und hin und wieder hupten Autofahrer aufmunternd neben uns auf der Autobahn. Das machte schon Spaß… wir waren aber trotzdem zu schnell unterwegs. Das sagte mir mein Kopf („Das kannst du mit dem wenigen Training im Vorfeld garantiert nicht so zuende laufen…“), das sagte mir aber auch meine linke Achillessehne, die sich langsam wieder meldete.

Ich eröffnete Klaus, dass wir leider nicht mehr lange zusammen weiterlaufen könnten, weil ich langsamer werden müsse. Woraufhin er versuchte, mich mit „aber es läuft doch gerade so schön“ zum Durchhalten zu überreden. Da konnte ich eigentlich nicht widersprechen, es war aber trotzdem unausweichlich für mich, jetzt kürzer zu treten. Bis zum Getränkepunkt kurz vor der 11-Kilometer-Marke liefen wir noch einträchtig nebeneinander…

… und dann hieß es „Bis nachher und viel Spaß!“.

Kurz darauf erreichte ich das Ende der „AVUS-Gerade“. Hier führte die Strecke nach rechts in den Grunewald hinein…

… auf die Havelchaussee.

Fast wäre ich aufgelaufen: Ein Läufer vor mir hatte ausgerechnet in dem Moment etwas fallen gelassen und war deshalb abrupt stehen geblieben, als ich das Handy zum Fotografieren hochhielt! Aus dem Augenwinkel sah ich das Hindernis und kam mit einem kleinen reaktionsschnellen Schlenker knapp um ihn herum.

Bis hierhin war ich gar nicht so viel langsamer geworden. Aber nun stand die fast einen Kilometer lange Steigung über den „Willi“ zum Grunewaldturm bevor. Wie geplant, begann ich irgendwann auf der langen Steigung zu gehen. Die Gehpause wurde aber immer länger, weil ich spürte, wieviel Kraft mich die Steigung kostete. Auf den ersten Kilometern hatte ich es befürchtet: „Für das flotte Anfangstempo wirst du irgendwann büßen müssen.“ Und irgendwann begann jetzt.
© AndreasV
Klaus war inzwischen bei Andreas V. angekommen, der irgendwo auf der Steigung mit seinem Fahrrad als Streckenposten stand.
© AndreasV
Werweißwieviele Minuten später kam auch ich bei Andreas V. an. Ich merkte es nur anfangs gar nicht! Nach ein paar Laufversuchen, ging ich gerade mal wieder, als er von der anderen Straßenseite herüberrief. Oh, das sollte jetzt nicht so erschöpft aussehen, wie ich mich gerade fühlte, also setzte ich mich wieder in Bewegung und lief zu ihm hinüber.

Wir wechselten ein paar schnelle Worte und er schickte mich weiter. Danke und tschüß!

Nach der Steigung ist vor der Steigung – und ich war nicht der Einzige, der immer mal wieder Gehpausen einlegte.

Aber selbstverständlich ging es auch wieder bergab und der Schwung kam zurück. Besonders, wenn wieder ein Verpflegungspunkt in Sicht kam. Eine nette Frau bot mir eine Banane an, aber ich hatte gerade mein Gel genommen, was ich eigentlich schon viel früher hatte nehmen wollen.

Irgendwie war die Luft raus und ich dachte an das allererste Ziel: Auf jeden Fall ankommen. Und möglichst ohne Verletzung. Die Achillessehne hatte sich auf mildem Erregungslevel eingepegelt, das sollte klappen.

Diese schöne Stahlbrücke kannte ich gar nicht (im Nachhinein lese ich, dass es die Stößenseebrücke ist).

Die nächste Steigung stand an. So schlimm war sie nicht, aber mit meinen schweren Beinen kam ich aus der Trägheit nicht heraus und ging wieder öfter.

Nach der langen Waldstrecke kamen wir nun wieder in die „Zivilisation“ und wurden von einer Trommelgruppe empfangen. Das gab wieder etwas neuen Schwung.

Ein roter Zielbogen sah verlockend aus, aber jeder hier wusste, dass das noch lange nicht das Ziel war.

Noch eine Trommelgruppe…

… und dann führte uns der Streckenplaner um viele Ecken, Gebäude und Parkplätze durch den Olympiapark. Sieh an, die Geschäftsstelle von Hertha BSC.

Ich glaube, ich habe mal über die Vorteile geschrieben, wenn man die erste Hälfte eines Rennens eher zurückhaltend angeht. Einer davon war, dass man gegen Ende eigentlich nur noch Leute überholt, was enorm motiviert. Nun erfuhr ich, wie es ist, wenn man die erste Hälfte deutlich zu schnell angeht: Man wird gegen Ende ständig überholt. Nicht schön, aber ich konnte damit umgehen. Ankommen war alles.

Immer noch liefen wir an Trainingsplätzen von Hertha BSC entlang. Aber jetzt konnte es nicht mehr weit sein, bis… ja, bis… nun, komm schon…

… ah, bis wir in die Tiefgarage des Olympiastadions abbogen! Eine große Erleichterung machte sich in mir breit. Nun ging es mit den Füßen rasant bergab und mit der Stimmung rasant bergauf.

Genau dafür machten hier alle um mich herum, die davor und die danach, das: Für diese Stimmung auf dem letzten Kilometer, die Trommler, das Halbdunkel, die Lichter – der Sog des Zieleinlaufs war fast greifbar, alle wollten so schnell es ging ins Stadion.

Eine letzte Kurve in der Tiefgarage und wir sahen das hell strahlende Tor zum Stadioninneren.

Ich war ziemlich erschöpft, aber diese letzte Dreiviertelrunde auf der blauen Bahn musste man einfach genießen. Die Beine bewegten sich schneller, kein Endspurt, aber ein befreites Auslaufen.

Geschafft! Angekommen! Keine Ahnung in welcher Zeit, ich hatte lange nicht mehr auf die Uhr geguckt.

Mit 2:34:41 war ich im Ziel und wurde von einem strahlenden Klaus empfangen, der bereits lange vor mir in tollen 2:23:28 angekommen war.

Leider gab es dieses Mal die Medaillen nicht im Zielbereich. Dazu mussten wir erst die vielen Stufen hinauf zum Marathontor steigen…

… und konnten Sie uns oben abholen. Ein interessantes Detail, das ich erst bei meiner nachträglichen Recherche geunden habe: Unsere heutige S25-Strecke entsprach fast exakt der Strecke des Marathonlaufs der Olympischen Spiele 1936, wobei damals die Läufer nach dem Start im Olympiastadion durch das Marathontor auf leicht anderem Weg zur Havelchaussee gelaufen waren, also entgegen unserer Richtung, dann am Ende auf die AVUS und dort bis zur Tribüne, wo gewendet und auf derselben Strecke zurückgelaufen wurde.

Abschließend muss ich sagen, dass das Ergebnis absolut meinem Trainingsstand entspricht (ich war ja sogar ein paar Minütchen schneller angekommen, als erwartet), aber das Erlebnis mit der schönen, flotten ersten Hälfte und der kraftlosen, langsamen zweiten Hälfte war schon heftig.
Irgendwie denkt man doch etwas enttäuscht an seine früheren Ergebnisse, aber ein Blick in die Trainingskilometer jetzt und vor früheren S25-Läufen hat mich da kuriert:
Januar bis Mai 2024: 620 km (S25-Zeit: 2:22:20h)
Januar bis Mai 2023: 560 km (S25-Zeit: 2:30:57h über 25,4 km)
Januar bis Mai 2022: 723 km (S25-Zeit: 2:24:05h)
Mein Rekordjahr: Januar bis Mai 2011: 885 km (S25-Zeit: 1:59:23h)
Und jetzt? Dezember bis April 2026: 368 km (S25-Zeit: 2:34:41h)
Da habe ich doch noch aus sehr wenig etwas halbwegs Passables gemacht ;-)
PS: Otto ist eine wahnsinnige Zeit von 1:51:28h gelaufen und 2. seiner Altersklasse geworden, Glückwunsch! Danke an Klaus für die gemeinsamen Kilometer und Andreas V. für den Support und die beiden Fotos!